Ein Knopfkreisel, gebastelt aus einem Holzkopf und einem Streichholz

Knopfkreisel

In der älteren volkskundlichen Literatur wird mehrfach erwähnt, dass die Kinder Kreisel bastelten, indem sie ein Hölzchen in das mittlere Loch eines Knopfes stecken und so einen einfachen Fingerkreisel herstellen. 

Die einfachste Art, einen Kreisel zu basteln, wird von Drejø berichtet. „Wir Kinder bastelten Kreisel aus Knöpfen, in deren Mitte ein Loch war, in das ein Streichholz gesteckt wurde.“1

Ein dünnes Eisenstäbchen (Drahtstift) wird durch das Mittelloch eines Knopfes gesteckt und gibt den sogenannten Drillkreisel, den man auf dem Tische tanzen läßt, indem man ihn zwischen dem Daumen und dem Zeigefinger losschnellt.2


Gab es denn Knöpfe mit einem Loch in der Mitte? Heutige Knöpfe haben in der Mitte kein Loch! Wozu soll ein Mittelloch gedient haben?

Eine Lösung dieses Rätsels bietet die Stadtarchäologie Wien. Auf der Seite „Bein statt Plastik“ sind viele Knöpfe aus Knochen mit einem Mittelloch abgebildet und es wird erklärt:

„Das […] Mittelloch entstand bereits beim Drehen der Vorder- und Rückseite, die eigentlichen Löcher zum Annähen wurden in einem eigenen Arbeitsschritt gebohrt.“

Das Mittelloch wurde übrigens beim Annähen der Knöpfe in der Regel nicht benutzt.4 Die Knöpfe wurden handwerklich hergestellt, wohl meist von Drechslern. Manche hatten sich auf die Verarbeitung von Knochen (=Bein) spezialisiert, so dass sie Beindreher genannt wurden. 

Der Übergang zur industriellen Massenfertigung wird schön beschrieben in einem 1845 erschienenen BuchAus den gewerbswissenschaftlichen Ergebnissen einer Reise in Frankreich“ von Moritz Mohl. Der Autor war unzufrieden mit dem Stand der gewerblichen Produktion in seiner Heimat Württemberg, und da er in Frankreich in Kontakt mit besseren Produkten und anderen Produktionsweisen gekommen war, hat er mit Unterstützung des Königs eine Reise unternommen, um Muster der Produkte und Informationen über die Herstellung zu sammeln; eine Aktion, die man heute vielleicht Industriespionage nennen würde.

Das Ergebnis ist eine „Denkschrift über einen im Auftrage der königlich württembergischen Regierung im Auslande gemachte Ankauf von Musterwaaren, welche württembergischen Gewerbsleuten als Vorbild dienen sollen, sowie über die Mittel zur Erreichung des damit beabsichtigten Zweckes und Hebung des vaterländischen Gewerbefleißes überhaupt, namentlich durch entsprechende Einrichtung des gewerbswissenschaftlichen Unterrichts und durch Aufhebung des Zunftwesens.“ 5

Auch die Herstellung verschiedener Knöpfe wird sehr ausführlich auf 63 Seiten beschrieben, „Die Verfertigung von Knöpfen aus gemeinem Beine“ ab S. 265.

Die Knochen wurden meist aus Großküchen besorgt, nochmal ausgekocht, um sie zu entfetten, dann in handliche flache Stücke zerteilt „in Blättchen gehauen“ und gebleicht (4 Wochen Sonne und Regen ausgesetzt oder chemisch behandelt). Dann beginnt die Produktion auf einem fußbetriebenen Drehstuhl. Dabei dreht sich nicht das Werkstück, sondern der Meißel, mit dem die Form des Knopfes aus dem Knochen herausgebohrt oder herausgefräst wird.

Zuerst wird die Vorderseite des Knopfes in das Knochenstück hineingearbeitet. Dann wird das Werkstück umgedreht und mit einem anderen Meißel wird die Rückseite geformt und der Knopf aus der Knochenplatte herausgelöst. Beim Bearbeiten der Rückseite muss man natürlich die vorbereitete Vorderseite treffen, und dabei hilft das Mittelloch, das beim Herstellen der Rückseite als Führung dient. Die entsprechenden Meißel sind in etwa so geformt:

Meißel für die Knopfvorderseite (S. 277)
Meißel für die Rückseite

Die guten Knöpfe haben auf der Vorderseite eine Mulde, in der später die Fäden liegen und so vor Abnutzung geschützt sind, und sind hinten gewölbt, was das Auf- und Zuknöpfen erleichtert. Die einfachen sind hinten flach.

(Es geht auch ohne Mittelloch, dann braucht man jedoch eine Negativform der Knopfoberseite, die beim Herstellen der Rückseite als Führung dient, ausführlich beschrieben auf S. 293ff. Allerdings sind die Anforderungen an die Präzision der Maschine höher, da diese Negativform genau vor dem Meißel positioniert sein muss. Vermutlich muss auch sorgfältiger gearbeitet werden. Die so hergestellten 4-Loch-Knöpfe waren entsprechend teurer.) 

Die 4 Löcher zum Annähen der Knöpfe wurden in einem weiteren Arbeitsschritt gebohrt. Anschließend wurden die Knöpfe poliert und für den Verkauf verpackt. 

Ein-Loch-Knöpfe

Aber es gab auch Knöpfe mit nur einem Loch in der Mitte. Der Sprachforscher Popowitsch schreibt im 18. Jahrhundert:

T r i l l e r, Der, heisst in Wetterau ein Kreisel, welchen sich die Kinder aus einem unüberzogenen Rockknopfe machen, indem sie ein Hölzchen durch sein Loch stecken, diese Spindel bei dem oberen Ende mit dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand fassen und derselben einen Drehschwung geben, dass sie auf dem unten zugespitzten Ende, samt dem Knopfe auf dem Tische umlaufen muss. 6

Was ist mit einem „unüberzogenen Rockknopfe“ gemeint? Auch das beantwortet die Stadtarchäologie Wien: 

Platte Knochenscheibchen mit einem Loch wurden mit Stoff überzogen oder einem Faden umsponnen.

Moritz Mohl listet in seinem Reisebericht verschiedene Arten von Knöpfen auf und beginnt mit den einlöchrigen, die damals so verbreitet und allgemein bekannt waren, dass er nicht einmal Muster davon besorgt hat:

1 ) Einlöchrige, platte, welche bestimmt sind, übersponnen oder mit Geweben überzogen zu werden. (S. 267)

Die einlöcherigen Beinknöpfe schienen mir ganz und gar von einer Beschaffenheit zu seyn, wie sie Jedermann in allen Ländern kennt, und es schien mir zwecklos, Muster derselben zu kaufen. (S. 268)

180 Jahre später kennt kaum noch jemand diese Knöpfe und es ist nicht ganz einfach, dazu etwas herauszufinden. Vermutlich sahen sie etwa aus wie heutige Zwirnknöpfe, diese werden allerdings heute mit einem Metallring und nicht mit einer Scheibe aus Bein oder Holz hergestellt.

Aber Mohl hat noch ein paar Hinweise in seiner Denkschrift:

Millionen Männer in Europa und in den Überseeischen Ländern tragen an den Hemdskrägen und Aermeln Knöpfchen aus weißem Faden, über kleine hölzerne Formen verfertigt, welche in dem Dep. der Oise von Frauen, Mädchen und Kindern mit der Nadel ausgeführt werden. Millionen Frauen tragen kleine Knöpfchen aus Seide, gleichfalls über hölzerne Formen mit der Nadel verfertigt, auf seidenen Kleidern, und viele dieser Knöpfchen liefert die weibliche Bevölkerung des Dep. der Oise jährlich gleichfalls in großer Masse. (S. 293)

Ein Muster, das er gekauft hat, beschreibt er so:

Hemdknöpfe mit gitterigen Mittelfelde, in welchem sich je 6 Fäden in beiden Richtungen kreuzen, aus weißem Linnenfaden mit der Nadel verfertigt. (S. 294, das gleiche auch mit 8 Fäden)

Heißt das, dass die Holzscheiben nur teilweise von Fäden bedeckt sind, wenn nur 6 oder 8 Fäden – vermutlich kreuzweise, damit sich das gitterige Mittelfeld ergibt – verwendet wurden? Oder war der Rest des Knopfes auch umsponnen? 

Es gab jedenfalls auch bessere Knöpfe, die nicht nur vollständig mit Fäden überzogen, sondern auch noch am Rand verziert waren.

Man wir bemerken, daß diese Knöpfe innerlich mit Seide glatt überzogen, am Rande aber durch eine zweite Arbeit mit der Nadel mit weiterer Seide in festen Knötchen durchflochten sind, was sowohl zu ihrer Zierde als vorzüglich zu ihrer Dauerhaftigkeit dient. Diese zweite Arbeit heißt man grapper oder auch regrapper. (S. 295)

Die Arbeit wurde von Hand in Heimarbeit von „Frauen, Mädchen und Kindern“ und war schlecht bezahlt: „Der Arbeitserwerb bei dieser Fabrikation ist zwar […] sehr mäßig, und beträgt täglich nur: für Kinder 25-30 Centimen, für erwachsene Mädchen oder Frauen 45-60 Centimen. … Da [dieser Industriezweig] indessen immerhin eine besserlohnende häusliche Beschäftigung als das Flachs- und Hanfspinnen bildet, so ist und bleibt er schätzbare Hülfsquelle für dieses Departement.“ (S. 294)

Das hölzerne Herz

Der hölzerne Kern vieler Knöpfe gab auch Anlass zu moralischen Betrachtungen:

Der Knöpffmacher.
Im guten haltet an, und dienet Jederman. 

Es steckt ein hölzern Herz vergraben
ein Knopf von Seiden oder Gold:
so ligt offt in den Reichtums-Gaben
ein Herz, das Armen wenig hold.
Wolt ihr im Glück Gott wolgefallen?
So liebt die Mildigkeit vor allem.

https://berufe-dieser-welt.de/die-knopfmacher

Auf der Knopfmacher-Seite wird auch auf einen Text von Johann Samuel Halle aus dem Jahr 1762 verwiesen, der versucht, die Arbeit zu beschreiben:

Die hölzerne Form oder der Körper des Knopfes wird zu den Knöpfen vom Drechsler von Knochen, oder Buch- Birn- Eichholze gedreht, gelb, weis, oder schwarz gebeizt, oder auch mit Atlasse überzogen. Den Pfriemen stekkt man durch die Form hindurch, um den Knopf daran in der Hand nach Gefallen zu regieren, indem die Seide von der Spule indessen von selbsten abläuft und den Wendungen folgt, welche ihr die Finger mitteilen. Diese legen anfangs die Seide ins Kreuz über den Knopf nieder; hierauf durchschlingt man die Fäden jederzeit blos mit den Fingern nach der Figur der Muster, bis die Form überall mit gelber Seide zu den massiven Knöpfen, oder mit derjenigen Seidenfarbe, Kameelgarn u. s. w. überflochten ist, welche der Käufer bestellt hat. 7

Offensichtlich wurde ein Pfriem in das Loch gesteckt, um den Knopf bequemer handhaben zu können (Ein Knopfhalter wird auch heute noch benutzt). Ansonsten bleibt bei dieser Beschreibung der eigentliche Herstellungsprozess weiterhin etwas unklar.

Links:
Mustertafel im Technischen Museum Wien
Weitere Knopf-Seiten der Stadtarchäologie Wien: Wenn Knöpfe sprechen könnten …, Die Ausstattung der Toten (II)
Auf dem Bahrtuchschild der Nürnberger Knopfmacher sind Werkzeuge der handwerklichen Knopfherstellung abgebildet, und Knöpfe! (Was ein Bahrtuchschild ist.)
Herstellung von stoffüberzogenen Knöpfen: youtube und fadenüberzogenen: youtube


  1. Sigsgaard, Jens ; Varnild, Ib Det legede vi med. Gammelt legetøj i Danmark. Kopenhagen : Nyt Nordisk Forlag, 1982 (S. 26) in der Übersetzung von gemini ↩︎
  2. Wagner, Hermann; Illustrirtes Spielbuch für Knaben, planmäßig geordnete Sammlung zahlreicher anregender Belustigungen, Spiele und Beschäftigungen für Körper und Geist, im Freien und im Zimmer, Leipzig : Spamer, 1895, S. 131-138 ↩︎
  3. Vielen Dank an die Stadtarchäologie Wien für die Nutzungsgenehmigung der Fotos und an Christine Ranseder für die Hinweise! ↩︎
  4. https://stadtarchaeologie.at/start/erleben/ausstellungen/gemischte-partie/matzleinsdorfer-friedhof/bekleidung-schmuck-kaemme/ ↩︎
  5. Mohl, Moritz; Aus den gewerbswissenschaftlichen Ergebnissen einer Reise in Frankreich, Stuttgart und Tübingen : Cotta, 1845 books.google.at ↩︎
  6. Gugitz, Gustav; Eine unbekannte Quelle zum österreichischen Kinderspiel aus dem 18. Jahrhundert (Joh. Sigm. Valentin Popowitsch). In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde, Neue Serie Band 8, Gesamtserie Band 57, Wien, 1954, S. 21 ↩︎
  7. aus: Johann Samuel Halle: „Werkstäte der heutigen Künste oder Die neue Kunsthistorie“, Zweiter Band, 1762, S. 189 https://www.digitale-sammlungen.de/en/view/bsb10910685?page=214,215&q=Knopfmacher zitiert nach  https://berufe-dieser-welt.de/die-knopfmacher/ ↩︎