Anzeige mit einer Grafik von Otto Fischer-Trachau

Der himmlische Kreisel

In den 1920er Jahren sind in Hamburg legendäre Künstlerfeste gefeiert worden. Die Feste wurden zur Faschingszeit im Curio-Haus gefeiert, im Jahr 1922 unter dem Titel „Der Himmlische Kreisel“.

Die Kunstgewerbeschule am Lerchenfeld hatte eine zentrale Rolle bei der Initiierung der Feste. Es hat sich der dort „lehrende Raumkünstler Friedrich Adler vor allem deshalb für die Ausrichtung eines Künstlerfestes eingesetzt, um seinen Schülern endlich einmal die Möglichkeit zu bieten, für die Öffentlichkeit gestalterisch tätig zu werden, anstatt ‘immer nur papierne Entwürfe auf dem Reißbrett zu machen‘“.* Nach dem Krieg waren dann große Teile der Hamburger Künstlerschaft beteiligt, die die Möglichkeit nutzten, „der Öffentlichkeit ihre ästhetischen Programme zu präsentieren, sich künstlerisch auszutoben und ausgelassen zu feiern.“* Die Feste hatten klangvolle Namen: Dämmerung der Zeitlosen (1919), Die gelbe Posaune der Sieben (1920) und Die Götzenpauke (1921). Auch nach 1922 wurde die Tradition fortgesetzt.

Die Feste waren aufwendig gestaltet und es waren Künstler der unterschiedlichsten Kunstgattungen beteiligt, es wurde Raumkunst, Malerei, Druckgrafik, Plastik, Theater, Musik, Tanz und Literatur präsentiert. Das Hamburger Künstlerfest hat im Laufe der zwanziger Jahre zu einer der bedeutendsten Kulturveranstaltungen der Stadt entwickelt und übertraf nach der Meinung etlicher Beteiligter die Feste von Berlin und München. Hans Leip meint, dass „weder Berlin noch München noch Köln […] ähnlich bedeutende Hochleistungen an künstlerischer Ausschmückung und an Reichtum festlicher, lustiger und geistvoller Ideen“1 gehabt hätten.

Die Feste gingen über mehrere Tage und zogen jeden Abend durchschnittlich mehr als 2000 Gäste [7] an. Dabei wurden die Besucher „zu einem aktiven Teil des Festgeschehens und die Grenzen zwischen Kunst und Leben somit zumindest teilweise aufgehoben.“* Die Künstler der Hamburger Avantgarde stellten keine radikalen politischen und sozialen Forderungen wie andere Künstlergruppen. „Die Hamburger Künstlerfeste dienten ganz im Gegenteil vor allem dem ausgelassenen Feiern sowie der Möglichkeit, für einige Stunden die Grauen des Krieges, die sich in den Großstädten ausbreitende Armut und die politisch unsicheren Zeiten mit ihren Straßenkämpfen, der Inflation und der Wirtschaftskrise vergessen zu können.“

Der moderne Tanz hatte in Hamburg eine besondere Stellung. Es gab mit Gertrud und Ursula Falke, Jutta von Collande und Laura Oesterreich einige bekannte Tänzerinnen. Der Ausdruckstanz war durch die Gründung mehrerer Tanzschulen gefördert worden, Hans W. Fischer hat durch seine lobenden Kritiken in der Zeitung zur Akzeptanz beigetragen, so dass auch die bekannteste Ausdruckstänzerin Mary Wigmann häufig in Hamburg auftrat und freundlich aufgenommen wurde.

Auch bei den Künstlerfesten hatte der Tanz eine herausragende Rolle. Das Fest „Der Himmlische Kreisel“ war sogar hauptsächlich dem Tanz gewidmet, die „Astrale Tanz-und Farbenschau“ war als zentrale Aufführung geplant. Mary Wigmann war offensichtlich für die Tanzschau angefragt [0], ist aber nicht aufgetreten, statt dessen übernahm Jutta von Collande die für sie vorgesehene Rolle.

Neben den Tanzaufführungen auf der Bühne hat natürlich auch das Festpublikum wild getanzt. Kritiker bemängeln, dass das Fest überhaupt nur eine „allgemeine Schwoferei“ [4] sei. Beliebt war zu der Zeit der Shimmy, ein Tanz, bei dem verschiedene Körperteile geschüttelt und vor und zurück bewegt werden (youtube).

*) Über das vorhergehe Fest „Die Götzenpauke“ gibt es ein lesenswertes Buch von Vivien Röbstorf, aus dem die meisten Informationen dieser Einleitung entnommen sind.

Werbung

Otto Fischer-Trachau hat das Plakat, den Einladungs-Prospekt und eine Anzeige in der Zeitschrift Werkkunst (siehe Bild oben) gestaltet. Dabei hat er das Thema des Kreisels aufgegriffen und auch versucht, den Tanz darzustellen.

Prospekt zum Fest, Otto Fischer-Trachau
Plakat von Otto Fischer-Trachau

In dem Prospekt wurde das Fest mit überschwänglich-phantastischen Worten angepriesen:

Durch alle Räume des phantastisch geschmückten Hauses zickt, zackt und zuckt, tollt und rollt, kreist und schäumt der bunte Strom bis in jene dämmernde Unendlichkeit, in der sich die Parallelen schneiden und die Quadratur des Zirkels eine vollzogene Tatsache ist. Jeder sei Atom in dem Sauseschwung des Kreisels, der auf dem Kopf stehend seine Kanten fliegen läßt, daß das Licht von ihnen blitzt, flitzt und spritzt! Fühle die Wonne, die kein Oben und Unten, kein Rechts und Links mehr kennt, sondern nur noch die vom großen allgewaltigen Dreh! [0]

Eintrittspreis

Der Eintrittspreis war mit 150 Mark [5] relativ hoch. (Allerdings war zu der Zeit die Inflation schon fortgeschritten, in der Neuen Hamburger Zeitung vom 11.3.22 wird für 150 Mark eine Damenbluse bei C&A angeboten, Kleider ab 500 Mark.) Dieser Preis galt nur für das allgemeine Publikum, für die Künstler gab es ermäßigte Preise. Hans W. Fischer schreibt dazu:

Wie alle Feste, die Aufwand erfordern, muß auch hier eine Besucherschafft zu verhältnismäßig hohen Eintrittspreis in herangezogen werden; aber sie tritt unter eine ungewöhnlich große Zahl von künstlerischen Menschen, die sich alle wenigstens dem Gefühl nach kennen, die in den gleichen Theatern, den gleichen Ausstellungen, den gleichen Veranstaltungen und zum Teil Schulen zu Hause sind, gleiche Interessen verfolgen und eines gleichen seelischen Tempos fähig sind. Besonders reich vertreten ist die künstlerische Jugend, die Lebenslust und Geschmack im Leibe hat. All diese Künstlerkreise und die ihnen nahestehen, haben billigen Eintritt: so daß auch bei hohen Preisen für die weitere Öffentlichkeit der üble Geruch der Protzigkeit diesem Feste fern bleibt. [2]

Willy Davidson, der in Prospekt zum Fest als „Monetenfänger“ angeführt wird, schreibt über die Probleme, die die Inflation bei der Festdurchführung mit sich brachte:

War nun bei diesem Fest [Götzenpauke] der Umsatz an ungeheuren Mengen Papiergeld riesengroß, so wurde dieser doch noch in den Schatten gestellt bei dem darauffolgenden Fest 1922, dem ‚Himmlischen Kreisel‘. Die Einnahmen an den Billettverkaufsstellen wurden in großen Paketen abgeholt. Die Papiergeld-Mengen zerflossen aber so schnell, bis schließlich dem Verein am Ende der Inflation nur ein Vermögen von 4 englischen Pfund verblieb. [7]

Die Verlegung

Das Fest war für den 10. und 11.2. geplant, Plakate und Anzeigen waren gedruckt. Aber Anfang Februar begann ein großer Eisenbahnerstreik, teils wurde gar ein Generalstreik gefordert. Daher wurde das Fest um 4 Wochen verschoben.

Am 7.2. wurde der Streik nach einigen (später nicht eingehaltenen) Zusicherungen der Reichsregierung abgebrochen. So konnte am 11.2. zumindest eine Vorfeier stattfinden.

Die Vorarbeiten beginnen regelmäßig schon im Herbst. Auch diesmal waren sie bereits geleistet, als der Verkehrsstreik eine Verlegung des Festes ratsam erscheinen ließ. Es war natürlich nicht möglich, den drei Tage beanspruchenden Aufbau ins Werk zu setzen, auf die drohende Gefahr hin, im letzten Augenblick an der Abhaltung des Festes durch einen Lichtstreik oder eine andere Zufälligkeit verhindert zu sein und die ganze Mühe zu verlieren. Die Besserung der Lage machte eine Vorfeier möglich; sie beschränkte sich auf den großen Saal und sah von einer Raumherrichtung ab. [1]

Die Vorfeier 

Die Vorfeier fand am 11. Februar in dem ungeschmückten großen Saal statt und hatte mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen.

Von vorneherein mußte auf die Vorführung der Ruttmann-Filme verzichtet werden, deren brausende Farbenpracht das Ganze rahmen sollte: Sie waren auch durch Flugpost nicht heranzubringen. Die Adlerschen Farbensymphonien – es sind wundervoll schwebende dekorative Gebilde – verblaßten wegen der zu geringen Lichtstärke des Bioskops, das außerdem beim Einschalten versagte und eine Pause veranlaßte, die uns hinter der Bühne den Schweiß auf die Stirn trieb. Außerdem mußte der Loheland-Tanz, der eigens für die Vorstellung gearbeitet war, ausfallen, da die Loheländer, die drei Tage und Nächte unterwegs gewesen waren, den Anschluß nach Bremen nicht versäumen durften. [1]

Die technischen Probleme veranlassten Hans W. Fischer zu der Bemerkung: 

Die Türke des Mechanismus hat uns leider einen Streich gespielt und uns gelehrt, daß man sich wohl auf Menschen verlassen kann, aber nicht auf Maschinen. [1]

Für die Hauptfeier wurde daraus die Konsequenz gezogen, die „Farbenschau“ von Friedrich Adler, Inge Olsok und Anita Suhr nicht zusammen mit der Tanzschau, sondern separat im Hörsaal zu zeigen.

Trotz der technischen Probleme und der fehlenden Dekoration scheint es ein wildes Fest gewesen zu sein, wenn man Hans W. Fischer glauben kann, der als Redakteur der Neuen Hamburger Zeitung darüber berichtete. Allerdings war er auch Mitorganisator des Festes und hat die Astrale Tanzschau ausgerichtet, so dass sein Urteil vielleicht nicht ganz objektiv ist: 

Die Vorfeier des Kreisels hat gezeigt, daß schon die Kostüme allein den Festräumen ein verändertes Gesicht geben können. [2]

Denn es drehte sich, flirrte, schwirrte und glitzerte durch die ganze Nacht und warf bunte Strahlen, als Otto Tügel und Vera Dehmel mitten im Saal ihr hinreißendes Duo tanzten; er beflügelte sich stets von neuem zu der Musik, die Ernst Roters leitete. Und es wird, bunter und flimmernder noch, kreiseln, wenn das große Fest in vier Wochen die Wände in dem phantastischen Glanz strahlen läßt, die die besten unserer Raumkünstler ihm zu geben gedenken. [1]

Die Hauptfeier 10. und 11. März

Für die verschobene Feier wurde erneut Werbung gemacht, Anton Kling hat ein neues Plakat entworfen, neue Anzeigen wurden veröffentlicht. 

Plakat von Anton Kling

Die Raumausstattung

Auf die prächtige Ausstattung der Räume wurde besonderen Wert gelegt. „Die namhaftesten Innenarchitekten und dekorativen Künstler Hamburgs schufen mit dem jungen Nachwuchs der Kunstgewerbeschule monatelang […] an ihren Aufgaben.“2 Selbst der ansonsten kritische Redakteur des Hamburgischen Correspondenten zeigt sich begeistert:

Die für jegliche Ausschmückung so willigen Säle und Räumlichkeiten des Curiohauses erstrahlten in einer Farbenpracht, wie man sie bisher dort noch nicht gesehen. Künstler waren am Werke gewesen, die mit bemalten Papier die wunderbarsten Wirkungen erzielt haben. Und das mit Verzicht auf wild-expressionistische Manier. Die große Linie herrschte in der architektonischen Gestaltung, die satte Farbe in der malerischen Durchführung vor. Am meisten Bewunderung erregt der von Friedrich Adler zum azurnem Dom umgewandelt große Saal – ein Bild unvergessliche Schönheit. Für die raumkünstlerisch-interessante und farblich-stilvolle Ausstattung der übrigen Räume zeichneten erste Hamburger Künstler verantwortlich: Herrmann Mätzig, Kurt F. Schmidt, J. D. Peters, Wilhelm Bauche, Karl Wenderoth.
Ein stattliches Aufgebot an Feuerwehrleuten und Minimaxapparaten stand für den Fall eines Brandausbruchs zum sofortigen Eingriff zur Verfügung. [4]

Hans W. Fischer beschreibt die Raumausstattung so:

Schon die Gänge und Treppen (J. D. Peters und Hans Glißmann, Skulpturen von Wöbke) schwebten, in einer wolkenzarten, traumblauen Schönheit; die kleinen Säle im Erdgeschoß sind (von Mätzig und Kling) in teppichbunte Schachteln umgewandelt,

der sonst weiße Saal (Kurt F. Schmidt) gipfelt in einer tiefblauen Decke, die sich nach der Mitte zu ins Raumlose[?] zu verlieren scheint; im oberen Geschoß hat sich das Konferenzzimmer (Karl Wenderoth, Wilhelm Bauche, Fritz Jansen) in eine Grotte mit gedrungenem Rippenwerk verwandelt,

ein dämmernder Tunnel bohrt sich durch die Galerie; und den großen Saal wölbte Friedrich Adler zu einem azurnem Dom, dessen Wände fast ausschließlich aus großen Farbflächen zusammen gesetzt sind, während um die Galerie ein rotes Band läuft mit einem gelben Zackenmuster, das wild ausgespreizt über die Bühnenöffnung hinüberspringt.

Hinter den roten, nach unten gespitzten Pylonen der Galerie brennt eine farbige Ornamentik, die bis in den Saal herunter leuchtet, während von der Decke die Beleuchtungskörper als gelbe astrale Blüten schweben. Text: [2], Fotos: [5]

„Besonders der große Saal, den Fr. Adler, D. W. B., architektonisch durchkomponiert und mit seinen Schülern durchgeführt hatte, war eine stilistisch glänzende und farbig originelle Leistung.“ heißt es in der Zeitschrift Werkkunst [5]. Leider geben die dort veröffentlichten Schwarz-Weiß-Fotos den „Farbenrausch“ [6] nicht wieder.

Vielleicht sah es so ähnlich aus?
(Versuch, aus den spärlichen Angaben zu den Farben ein koloriertes Bild zu erzeugen. Über die Farben rund um die Bühnenöffnung herum ist nichts bekannt.)

Die „Astrale Tanzschau“

Als zentrale Darbietung wurde die „Astrale Tanzschau“ aufgeführt. Sie wurde nach den Erfahrungen der Vorfeier nochmal angepasst. 

Die „Astrale Tanzschau“ wurde bereits bei der Vorfeier gezeigt; diesmal kehrte sie wieder, und wie ich sagen zu dürfen glaube (obwohl ich selbst der Anordner war), in einer verbesserten und ganz gewiß im ganzen Verlauf klappender Form. Die Gelenke dieser fantastischen Kette hatten eine Verstärkung erfahren, in dem einige zartere Einzeltänze ausgeschieden und zwei neue Mastentänze angesetzt wurden: einen goldene „Tanzende Weltkugel“ Theodor Paul Etbauers und ein violetter „Mondschreck“ Josef Huncks. [2]

Hans W. Fischer beschreibt ich seinem Rückblick „Hamburger Kulturbilderbogen“ die Schau ausführlich:

Alles, was gebracht wurde, war neu und zum Teil eigens für den Anlaß gearbeitet, mindestens aber überarbeitet und fertig gemacht; für die fünfunddreißig Minuten dauernde Aufführung war drei Wochen lang stramm gearbeitet worden. Dafür klappte auch alles, es war jene unerläßliche Sicherheit und Geschlossenheit da, die moderne Tanzveranstaltungen fast nie haben, während Ballett und Variété sie als selbstverständlich verlangen; und zwar mit Recht, da fertige Leistung nie an den guten Willen der Zuschauer appellieren darf, wenn man den peinlichen Eindruck des nicht völlig und mühelos Gekonnten vermeiden will. Hier waren lückenloser Ablauf und innere Prallheit um so nötiger, als es eine festlich erregte Menge zu fesseln galt, die nicht auf Stühle gesetzt werden konnte, sondern zum größten Teil auf dem Fußboden sitzen mußte. Eine durchlaufende Musik war nicht da; wo die Tänzer sie nicht mitbrachten, schufen wir sie aus der Bewegung heraus, und H. H. Stuckenschmidt gab dem festgelegten Rhythmus seine gesegnete Disharmonik, über die sich die Orchestermusiker, die Roters dirigierte, nicht genug wundern konnten; für einige Begleitungen mußte das Klavier ausreichen. Pausenlos, auf den Gongschlag hängte sich Nummer an Nummer:

  • Etbauer als tanzende Weltkugel, über den behenden Beinen ein riesiges goldnes Rund, rollend und hüpfend in einem tollen Rhythmus, dessen Dissonanzen nach einem Klapperzwischensatz ihren Zusammenklang dadurch fanden, daß die zierliche Pianistin sich auf die Tasten setzte; 
  • vier kleine Tanzmädchen als Sternschnuppen, nach einem spritzenden Taktgefüge über die Bühne geschleudert; 
  • Manya Haack als Komet, schwarz mit flatterndem Goldband, in einem prachtvoll wilden Tanze ohne Ruhepunkte nach pompöser Musik von Adam, eine ganz reife Leistung; 
  • der Etbauerschüler Huck als violetter Mondschreck, mit Bartmaske und bunt bemalten Gliedmaßen, in Heuschreckensprüngen; 
  • ein zierlich, mit der Präzision eines Uhrwerks gedrehter Planetentanz von Jutta v. Collande mit zwei Mädchen der Tanzgruppe; 
  • die Ungeheuer vom Sirius Walter Holdt und Lavinia Schulz3, er schaukelnd im Shimmy, sie von wuchtenden Gängen in wilde Drehung sausend; zwischen ihnen ein Sternnebel, von den Loheländerinnen als Gästen, auf Rund geformt, die erhobnen Arme ein Gewoge voll zarter Brechungen;
  • zum Schluß eine kleine Pantomine „Raub und Befreiung der Sonne“, nach der Idee eine altjapanischen No-Spieles, diese ganz auf eigne Rhythmisierungen gebaut: Jutta von Collande, klein und frierend in zitternd-dünnen Kreisen, von zwei Winterdämonen ergriffen und fortgeschleppt; dann, unter Vorantritt ihres Beschwörers André Luksch, der Aufzug der Dämonen (Mitglieder der Jugendwanderbühne), die in ihren starren Doppelkegelmasken, mit drohenden exotischen Waffen, schweren Schritts die Bühne umschritten, den Rhythmus mit ihren Stimmen verstärkend, und sich als lebendige Mauer aufpflanzten, bis sieben grelle Trompetentöne das Tor öffneten und die Sonne befreit auf ihnen herausschritt, über den zurückkugelnden Beschwörer hinweg, ganz nach vorn, wo sie strahlend zu den goldnen Tönen stolzer Grétry-Musik ihren Triumphtanz begann. 
  • Zum Schluß zogen alle Mitwirkenden noch einmal vorbei, einzeln und in zusammengehörigen Gruppen, ein beweglicher Fluß, der jeweils in der Mitte ein wenig stockte, um den Beifall entgegenzunehmen, für den zwischen den einzelnen Nummern kein Raum gelassen war und der nun kam, von den Zuschauern, denen der Rhythmus in die Knochen gefahren war, im Rhythmus gespendet, so daß er und nicht die Musik die Vorüberziehenden zu tragen schien. Die Bewegung war übergesprungen und flutete in das Fest zurück. [3]

Mucker-Kritik

Aber nicht Alle waren so begeistert. Im Hamburgischen Correspondent vom 13.3.1922 schreibt ein Redakteur mit dem Kürzel „Mö“ einen eher kritischen Bericht [4]. Zwar wird die Raumausstattung gelobt und zum Teil auch die Tanzschau. Aber Missfallen findet die Diskrepanz zwischen dem hochtrabenden Texten der Einladungskarten „mit poetisch sein sollenden Satzungetümen, die Hoffnung erwecken könnten“ und seinem Eindruck, dass das Ganze nur auf eine „allgemeine Schwoferei einer buntgemischten und durcheinander gewürfelten Masse Menschen“ ausgerichtet sei. Die Beliebigkeit der Kostüme wird kritisiert – offensichtlich haben sich nur wenige Gäste bemüht, das Kostüm dem Motto des Festes anzupassen – und am Ende wurde ihm das ganze Gewühle, „ein einziges Geschiebe, Gestoße, Gewackle“, zuviel:

Man wurde heiß und heißer, und die Tusche im Gesicht begann langsam zu schmelzen. Scheinwerfer spielten über den Köpfen der Jazzenden, junges und mittelaltes Volk warf sich mit sämtlichen Körperteilen auf den Saalboden, unterbrach den Rhythmus, – schrie und jaulte, Beine bummelten von den Galerien herab, Mädels wurden auf Männerschultern durch die Menge getragen – – ein herrlicher Anblick, für die, die Gefallen daran finden. Mein Geschmack ist – Mucker wird man mich schelten – anders ausgerichtet, und so floh ich gar bald aus diesem kreiselnden Himmel, hinaus in die neblige Nacht unseres heimatlichen Planeten. [4]

Die Nachfeier

Am 13. März fand die Nachfeier statt, auch hier wurde eine Astrale Tanzschau gezeigt, wenn auch mit geändertem Programm. Kole Kokk, ein Redakteur der Berliner Volkszeitung, ist wohl eher zufällig auf diese Nachfeier geraten und schreibt darüber einen so begeisterten Bericht [6], dass die Hamburger Redakteure des Kunstgewerbevereins stolz daraus große Teile in ihrer Zeitschrift „Die Werkkunst“ [5] zitieren: 

Die Hamburger Künstler veranstalten ihr Fest seit einer Reihe von Jahren, jedesmal unter einem schöneren Namen und jedesmal in vollendeterer Art. Von vornherein sind da ein paar Voraussetzungen gegeben. die in Berlin nicht vorhanden sind. Es ist zunächst wirklich ein Fest der Hamburger Künstler, und nicht nur einer Künstlergruppe, kein Sezessionisten-, Novemberleute- oder Juryfreier-Ball. Die Maler, die Raumkünstler, die Bühne, die Musiker, die Tanzenden – sie alle haben teil an diesem Fest, sind auf ihm als Gastgeber wie als Gast, als Erfreuende und als von sich selbst am meisten Erfreute zu finden. Sie bilden auch der Zahl nach ein stärkeres Kontingent als ihre Kollegen auf den Berliner Bällen und die Leitung des Ganzen gleitet ihnen nie, wie so oft hierzulande, aus den gestaltenden Händen.

Was den „himmlischen Kreisel“ hoch über die Berliner Veranstaltungen stellte, war das künstlerische Temperament, mit dem er getrieben wurde. Für die kurzen drei Tage der Vorfeier, Hauptfeier und Nachfeier sind Dinge geschaffen worden, die wirklich wert wären, erhalten zu bleiben. Eine Reihe junger Künstler von Geschmack und Talent hatte sämtliche Räume des „Curio-Hauses“ (Hamburger Lehrervereinshaus) in wirklich überraschend schöner Weise hergerichtet. Wandbekleidungen, Beleuchtungskörper, ja selbst eine aus den einfachsten und leichtesten Stoffen ebenso graziös wie kühn errichtete Architektur legte Zeugnis ab von einem so innigen und souveränen Verhältnis zur Farbe, wie man es selten findet. Es gab einen richtigen Farbenrausch, ohne daß sich irgendwo die expressionistische Manier in Disharmonien austobte. Daß man immer und immer wieder Zeit fand, sich des Zaubers dieser Räume zu erfreuen, war der beste Lohn für die Künstler, die dem Fest diesen Rahmen geschaffen hatten.

Die Hamburger haben vor den Berlinern ein wesentliches voraus: ihr „Betrieb“ ist geringer, ihr Erlebnis stärker und schöner. Wie wäre es, wenn unsere Stakugemu- und Reimann-Leute ihre angeerbte Scheu vor der Provinz überwinden würden und zum nächsten Hamburger Künstlerfest eine kleine Deputation entsenden? Beileibe nicht um zu kopieren; das beste am „himmlischen Kreisel“ ist in Hamburg bodenständig und nicht zu verpflanzen. Aber vielleicht genügt ein solcher Besuch, um erkennen zu lassen, daß zwischen einem Ball und einem Fest ein gewaltiger Unterschied ist, und daß es eine Ehrenpflicht der Künstler ist, Feste zu geben, die man wirklich feiern kann.     Kole Kokk. [5][6]

Festteilnehmer*innen

Wenige Fotos von Teilnehmer*innen des Festes sind bekannt. Wer ist hier abgebildet? Eine Zusammenführung der Informationen aus verschiedenen Quellen4 ergibt folgendes Bild:
Hintere Reihe: Otto Tügel (mit Turban), 2.v.r. Ernst Buchholz (mit Spitzhut),
mittlere Reihe: 2.v.I. Emil Maetzel (mit Zylinder), 2.v.r. Paul Hamann (im Smoking)
untere Reihe: linkes Paar vermutlich Walter Holdt und Lavinia Schulz, 2.v.r. Ernst Roters (Mit Zeitungshut)

Und die Frauen?

Es kann ja wohl nicht wahr sein, dass überall nur die Männer erwähnt werden! Eine kurze Recherche mit frei verfügbaren Informationen im Internet führt zu den folgenden Vermutungen:

Otto Tügel ist auf dem Fest zusammen mit Vera Dehmel aufgetreten, mit der er seit 1918 verheiratet war und die daher zu dem Zeitpunkt eigentlich Vera Tügel hieß. Könnte die Frau neben Otto Tügel also Vera Dehmel sein? Das Foto (von 1909) spricht dafür. Vera Drehmel war übrigens die Tochter von Paula und Richard Dehmel.

Vielleicht haben sich für dieses Bild vom Fest überhaupt hauptsächlich Paare aufgestellt? Wenn das stimmt, ist dann die Frau neben Emil Maetzel vielleicht seine Frau, die Malerin Dorothea Maetzel-Johannsen (siehe auch hier)? Die Fotos von ihr von 1910& und von 1926 und dies zeigen eine schlankere und elegantere Frau, aber es gibt ein gewisse Ähnlichkeit in den Gesichtszügen.

Der junge Mann in der hinteren Reihe mit dem Spitzhut wird als Ernst Buchholz angegeben. Wenn damit der Jurist Ernst Buchholz gemeint ist, so muss er zum Zeitpunkt der Aufnahme noch nicht einmal 17 Jahre alt gewesen sein (geboren 10.7.1905). Auffällig ist die Ähnlichkeit der Kostüme von Maetzel und Buchholz, sie scheinen den gleichen Stoff benutzt zu haben. Gab es da eine Verbindung? Jedenfalls hat Buchholz später (1933) die älteste Tochter von Maetzel geheiratet, Ruth Maetzel. Die ist allerdings 1911 geboren und war bei dem Fest erst 10 Jahre alt. Die Frau neben Buchholz auf dem Foto muss daher wohl jemand anderes sein. Ruth Buchholz war später auch eine Hamburger Malerin.

Wenn man die Idee mit den Paaren weiter verfolgt, ist dann die Frau neben Paul Hamann (die mit Stirnband und Kette) vielleicht die Künstlerin Hilda Hamann? Es sieht auch so aus, als ob die beiden sich die Hand halten. Das einzige Foto, das sich auf die Schnelle finden lässt, ist aus den 70er Jahren und ziemlich schlecht. Aber es könnte passen.

Es wird vermutet, dass das Paar unten links Lavinia Schulz und Walter Holdt sind. Von Walter Holdt sind keine weiteren Fotos bekannt5, und die anderen Fotos, die es von Lavinia Schulz gibt, sprechen jedenfalls nicht gegen diese Annahme.

Die Frau neben Ernst Roters hat sich während der Aufnahmen zu schnell bewegt, daher ist sie unscharf und kaum zu erkennen. Zu der Frau ganz rechts mit dem Hut habe ich keine Hinweise gefunden. 

Auf dem zweiten Bild sind z. T. dieselben Personen zu sehen, zusätzlich (ganz links in dem schicken Sternenkostüm) Otto Fischer-Trachau.

Otto Fischer-Trachau und seine Frau im Kostüm, Kostümentwürfe [Otto Fischer-Trachau (1878-1958) Leben und Werk – Eine Annäherung, Ausstellung in der Haspa-Galerie, 2008]

Die Mitwirkenden

Am Himmlischen Kreisel haben mitgewirkt: …

Mitwirkende

Künstlerische Oberleitung: Paul Hamann

Musik: Hans Heinz Stuckenschmidt

Dirigent, Musikalische Gesamtleitung: Ernst Roters

Klavier: Richard Goldschmied, Luch Brätsch

 

Die astrale Tanzschau

(Regie Hans W. Fischer)

Paul Th. Etbauer als tanzende Weltkugel – nicht bei der Vorfeier

vier kleine Tanzmädchen als Sternschnuppen

Manya Haack als Goldener Komet

Josef Hunck als violetter Mondschreck – nicht bei der Vorfeier

Jutta v. Collande und die Münchener Tanzgruppe (Elsbeth Baak und Grete Jung) Planetentanz

Walter Holdt und Lavinia Schulz als Ungeheuer vom Sirius

Loheland-Tänzerinnen Sternnebeltanz

Jutta von Collande, André Luksch, sechs Mitglieder der Jugendwanderbühne kleine Pantomime „Raub und Befreiung der Sonne“

 

In der Rezension der Vorfeier wurden noch erwähnt: 

Marna Glaan Flammenwirbel

Tilly Daul, Frida Holst Doppelstern

Tilly Daul Mondphantasie

Otto Tetjus Tügel Sternenjongleur

Otto Tetjus Tügel, Vera Dehmel

 

Von der Nachfeier erwähnt Kole Kokk:

Manya Haack

Das Springvieh (von Lavinia Schulz „eine fabelhaft schöne Maske, ein Sagentier, wie es noch in keinem Buche stand“)

 

Astrale Farbenschau

(auch: Kosmische Farbenschau) Friedrich Adler, Inge Olsok, Anita Suhr. Nach den Pannen bei der Vorfeier fand die Farbenschau dann im Hörsaal statt. 

 

Raumgestaltung

Friedrich Adler Großer Saal, Saal-Galerie

Hermann Mätzig, grünes und Hochzeitszimmer

Anton Kling Gesellschaftszimmer, kleine Säle im Erdgeschoß

Kurt F. Schmidt Weißer Saal 

Wilhelm Bauche, Karl Wenderoth, Fritz JansenJakob Detlef Peters (nicht im Prospekt erwähnt!) Konferenzzimmer

J. D. Peters und Hans Glißmann Gänge und Treppen, Treppenhaus und Vorräume

Albert Wöbke 2 große Skulpturen für die Treppenaufgänge

Otto Fischer-Trachau: Plakat, Prospekt, Anzeige

Anton Kling: zweites Plakat 

Tügel und Hamann: Groß-Schönfärberei, Petrus-Schminkverfahren

 

Aus dem Prospekt

Die Kreiseltreiber:

Brummkreisel: Paul Hamann, Emil Maetzel

Monetenfänger: Willy Davidson, Br. Sachse.

Milchstraßenpflasterer und Kreiselmontöre: Friedrich Adler, Wilhelm Bauche, C. O. Czeschka, Hans W. Fischer, Otto Fischer-Trachau, Richard Luksch, J. D. Peters, Ernst Roters, Kurt F. Schmidt, Otto Tügel, Karl Wenderoth

Firmamentwächter: W. Burmester, Konrad Hanf

Die Quellen:

[0] Der Prospekt 

An der Stätte, wo die Zeitlosen dämmerten, die Posaune der Sieben dröhnte und die Götzenpauke krachte, wird dieses Jahr

Der himmlische Kreisel

schwirren. Auf einem traumblauen Hintergrunde sollen sich alle Lichtwunder wirbelnder Gestirne drehen und alle Farbenorgien des Regenbogens ausgießen. Alle Sonnen, Wandel- und Irrsterne, alle Strahlen, Lichtspritzer und Farbklexe sind geladen, sich nach der Sphärenmusik des Kreiseljimmys zu einem weltlich-überweltlichen Reigen zu verklingen, sich zu Paaren und Systemen, Spiralnebeln und Milchstraßen zu ordnen und aus dem flirrenden, schwirrenden, klirrenden, quirlenden und wirbelnden Dreh eine neue astrale Harmonie zu gebären. Durch alle Räume des phantastisch geschmückten Hauses zickt, zackt und zuckt, tollt und rollt, kreist und schäumt der bunte Strom bis in jene dämmernde Unendlichkeit, in der sich die Parallelen schneiden und die Quadratur des Zirkels eine vollzogene Tatsache ist. Jeder sei Atom in dem Sauseschwung des Kreisels, der auf dem Kopf stehend seine Kanten fliegen läßt, daß das Licht von ihnen blitzt, flitzt und spritzt! Fühle die Wonne, die kein Oben und Unten, kein Rechts und Links mehr kennt, sondern nur noch die vom großen allgewaltigen Dreh!

 

Die Kreiseltreiber:

Brummkreisel: Paul Hamann, Emil Maetzel. 
Monetenfänger: Willy Davidson, Br. Sachse.
Milchstraßenpflasterer und Kreiselmontöre: Friedrich Adler, Wilhelm Bauche, C. O. Czeschka, Hans W. Fischer, Otto Fischer – Trachau, Richard Luksch, J. D. Peters, Ernst Roters, Kurt F. Schmidt, Otto Tügel, Karl Wenderoth
Firmamentwächter: W. Burmester, Konrad Hanf

 

Einige Sternschnuppenfälle vom regenbogenfarbigen Himmelsblau

Zitternde, glitzernde regenbogenartige, opalisierende, silbergeränderte Strahlen, wie Prismen spielend überfluten die bunten Gemächer des sonst von Gold, Marmor, spiegelnde Quadermauern strotzenden Curio-Palastes.

Ueber kraftvoll emporsteigende blaugoldene Schrauben1) beginnt der Kreisellauf und lockt zu schaumig-kräuselnden Regenbogenprismen, und silberwelligwirbelnden Kegeln2) durch tollfarbig mystische Spirale3), schwirrt und flirrt dann zur zianblauen, gelbgrünen Mondgrotte4), um im zauberisch verklärten wunderkrummen Sternenrummel gespickten, beglückten azurnen Dom5) in trankvoll lebensfrohen Uebermut einzukreisen. In hin und her gezickt, gezackter Tanzbar6) wirbeln neue Kreiselläufe auf, blitzende, sitzende, schwitzende, spitzende Gesister umschweben den Sternengucker im grönländisch eisig-kühlen sektbrausenden Himmelstempel7), den Feuerschluckern und brausenden Göttern der Likörschaukel, im Schlecher-Mecker-Café-Tempel8) umkreisen Nabelbeschauer die Flüsterkojen,

Astrale Tanz- u. große Farbenschau

Freitag, d. 19.2. und Sonnabend, 11.2., pünktlich von 7-8 Uhr im großen Saal. 

Farborgien von Ruttmann, Adler mit Inge Olsak und Anita Suhr, Sternnebeltanz der Loheland-Mädchen; Ungeheuer vom Sirius: Walter Holdt und Lavinia Schulz; Goldener Komet Manya Haack; Plantentanz Jutta v. Collande und die Münchener Tanzgruppe; die Befreiung der Sonne – hoffentlich – Mary Wigmann; Otto Tügel als Sternenjongleur und Kräfte der Jugendwanderbühne als Korus. Anordnung der Schau: Hans W. Fischer. Musikalische Gesamtleitung: Ernst Roters.

Groß-Schönfärberei, Petrus-Schminkverfahren: Tügel und Hamann. Jedem sein Schwindel auf sein Griesgram-Gesicht. Laßt Euch schminken! Karussel-Preise!

1) Treppenhaus und Vorräume: J. D. Peters, Albert Wöbke, Hans Glißmann; 2) Grünes und Hochzeitszimmer: Herrmann Mätzig; 3) Weißer Saal: Kurt F. Schmidt; 4) Gesellschaftszimmer: Anton Kling; 5) Gr. Saal: Friedrich Adler 6) Konferenzzimmer: Karl Wenderoth, Wilhelm Bauche, Fritz Jansen; 7) Saal-Galerie: Friedrich Adler; 8) Café im Vorraum

Die farbig gestrichenen Papiere für die Raumausstattung liefert die Hamburger Tapetenfabrik Werner & Sievers, Oldeslohe.

Von Hans W. Fischer gibt es 3 Artikel zu dem Fest, insbesondere zu der von ihm organisierten Astralen Tanzschau:

[1] Die Vorfeier des Himmlischen Kreisels.

Die großen Hamburger Künstlerfeste im Curiohause, die schon vor dem Kriege mit dem „Futurumbumbum“ einsetzten und sich seitdem Kriege alljährlich – als „Dämmerung der Zeitlosen“, „Gelbe Posaune der Sieben“, „Götzenpauke“ und dieses Mal als „Himmlischer Kreisel“ – wiederholen, haben sich stets offen und ungeheuchelt zur Festfreude bekannt. Sie durften das, weil die Teilnahme der gesamten Künstlerschaft und namentlich der künstlerischen Jugend von vornherein die Einheitlichkeit einer beschwingten und gleich gestimmten Festgenossenschaft sichert, die gleich weit von Spießigkeit und Wahllosichkeit entfernt ist. Schon die Menschen bringen die Farbe und den Rausch mit. Die fantastische Vielheit der Kostüme wirkt als Natur. Die prachtvolle Buntheit des Rahmens baut sich als natürliches Gehäuse um den großen Dreh. Und durch diesen Einklang ist nicht nur die Möglichkeit gegeben, sich wirklich eine Nacht lang des Lebens zu freuen, sondern es erwachsen aus ihm auch eine ganze Reihe ernster künstlerische Aufgaben. Unsere besten Raumkünstler fanden bei diesen Festen die ersehnte Gelegenheit, ihr Können zu entfalten und eine zauberhafte Festarchitektur zu erbauen, die in vergangenen Jahren selbst bei verwöhnten, auswärtigen Gästen ungeteilte Bewunderung hervorrief. Die Vorarbeiten beginnen regelmäßig schon im Herbst. Auch diesmal waren sie bereits geleistet, als der Verkehrsstreik eine Verlegung des Festes ratsam erscheinen ließ. Es war natürlich nicht möglich, den drei Tage beanspruchenden Aufbau ins Werk zu setzen, auf die drohende Gefahr hin, im letzten Augenblick an der Abhaltung des Festes durch einen Lichtstreik oder eine andere Zufälligkeit verhindert zu sein und die ganze Mühe zu verlieren. Die Besserung der Lage machte eine Vorfeier möglich; sie beschränkte sich auf den großen Saal und sah von einer Raumherrichtung ab. Daher trug sie das Gepräge einer Improvisation: aber auch in ihr war der große Schwung. Der Saal kreiselte von bunten Leben, die Kostüme bildeten prachtvolle Muster einer Farbenscheibe, die sich nach den Klängen der Musik fließend verschob und in jeder Einzelheit, kaum daß der Blick sie fing, wieder in den großen Strom zurückdrehte.

Von den Darbietungen blieb die Astrale Tanz- und Farbenschau bestehen, freilich auch in geminderter und behinderter Form. Keiner weiß über sie besser Bescheid, als ich selbst, der sie aufzog und vorbereitete. Von vorneherein mußte auf die Vorführung der Ruttmann-Filme verzichtet werden, deren brausende Farbenpracht das Ganze rahmen sollte: Sie waren auch durch Flugpost nicht heranzubringen. Die Adlerschen Farbensymphonien – es sind wundervoll schwebende dekorative Gebilde – verblaßten wegen der zu geringen Lichtstärke des Bioskops, das außerdem beim Einschalten versagte und eine Pause veranlaßte, die uns hinter der Bühne den Schweiß auf die Stirn trieb. Außerdem mußte der Loheland-Tanz, der eigens für die Vorstellung gearbeitet war, ausfallen, da die Loheländer, die drei Tage und Nächte unterwegs gewesen waren, den Anschluß nach Bremen nicht versäumen durften. Es blieben also nur die übrigen Tanzvorführungen. Sie stellen einen Versuch da, die augenblicklich in Hamburg verfügbaren wertvollen Tanz…[?] in möglichst endgültigen Leistungen zu zeigen und sie dabei einem sinnfälligen Leitgedanken unterzuordnen. Dieses ist, wie mir scheint, geleistet worden. Es wurde in den Tanz Manya Haaks (Komet) die leidenschaftlich sprühende Kraft, im Doppeltanz Tilly Dauls und Frida Holsts (Doppelstern) die zierliche Zuspitzung, in den Maskentänzen Walter Holdts und der Lavinia Schulz (Ungeheuer vom Sirius) die fantastische, urweltliche Kraft grotesker Vision, im Flammenwirbel Marna Glaans die kreisende Schwungkraft, im Planetentanz der Münchner Tanzgruppe (Jutta von Collande, Grete Jung, Elsbeth Baak) die klar gegliederte, von innen bewegte Form, in Tilly Dauls Mondphantasie ein ganz verdünntes Zucken, in Jutta von Collande Sonnentanz die ganze pompöse Grazie wirklich offenbar. Zur Einstellung dienet ein kleiner Jonglierbluff Tügels und ein Sternschnuppenspritzer von vier kleinen Tanzmädchen, der auf die allereinfachste Form gebracht war; der Schlußtanz war in eine kleine Szene nach der Idee des japanischen No-Spiels von der befreiten Sonne eingefügt, die Kräfte der Jugendwanderbühne und André Lucksch spielen. Auch hier handelte es sich um einfachste Bewegungsmotive, ein Schreiten der Kegelmädchen (von André Lucksch), den Aufbau einer architektonischen, nach der Mitte gipfelnden Linie, das Öffnen eines Tors – alles auf einem festliegenden, schweren, schlagenden Rhythmus gestimmt. Alle Tänze waren vordem nicht öffentlich gezeigt; die meisten waren ausdrücklich für das Fest gearbeitet; manche ganz von Grund aus auf Rhythmen aufgebaut, die neu festgelegt, von H. H. Stuckenschmidt aufgezeichnet und von Roters instrumentiert waren. Dies war eine ungemein interessante Arbeit, bei der alle Beteiligten gelernt haben. Immer wurde das Einfachste und Mögliche angestrebt: der „Flammenwirbel“ Marna Glaans etwa auf eine steigende und fallende Sechsachteltonleiter, der Aufzug der Masken[?] auf einen Dreier- und Siebenerrhythmus gebaut. Das Ganze sollte vorüberflitzen wie ein glänzender, bunter Traum; ich und die Mitwirkenden haben das auch so vor sich gesehen. [Dieser Satz nach der Berichtigung vom 14.3.1922] Die Türke des Mechanismus hat uns leider einen Streich gespielt und uns gelehrt, daß man sich wohl auf Menschen verlassen kann, aber nicht auf Maschinen. Immerhin werden auch unter den Festteilnehmern – so hoffe ich zu ihren Gunsten – genug gewesen sein, die die eigene Fantasie über einen Sprung hinweg und zur Anschauung des Ganzen brachte; sei es auch nur dadurch, daß sie der Dreh im großen Kreisel ihnen das Gefühl für Minuten schwinden ließ. 

Denn es drehte sich, flirrte, schwirrte und glitzerte durch die ganze Nacht und warf bunte Strahlen, als Otto Tügel und Vera Dehmel mitten im Saal ihr hinreißendes Duo tanzten; er beflügelte sich stets von neuem zu der Musik, die Ernst Roters leitete. Und es wird, bunter und flimmernder noch, kreiseln, wenn das große Fest in vier Wochen die Wände in dem phantastischen Glanz strahlen läßt, die die besten unserer Raumkünstler ihm zu geben gedenken. 

H.W.F.

Neue Hamburger Zeitung – 13.2.1922 S. 2f

[2] Es kreiselt.

Feste, die den Namen verdient, haben immer den einen Zweck: den Menschen dem Alltag zu entrücken. Man veranstaltet Bälle allemal in erster Linie, um eine große Menschenzahl in die Schwingung gemeinsamer Fröhlichkeit zu versetzen. Eins ist dazu nötig: ein bestimmtes Zusammengehörigkeitsgefühl. Es ist wohl selten so ausgeprägt wie bei dem großen Hamburger Künstlerfest, daß nun schon eine Überlieferung hat. Wie alle Feste, die Aufwand erfordern, muß auch hier eine Besucherschafft zu verhältnismäßig hohen Eintrittspreis in herangezogen werden; aber sie tritt unter eine ungewöhnlich große Zahl von künstlerischen Menschen, die sich alle wenigstens dem Gefühl nach kennen, die in den gleichen Theatern, den gleichen Ausstellungen, den gleichen Veranstaltungen und zum Teil Schulen zu Hause sind, gleiche Interessen verfolgen und eines gleichen seelischen Tempos fähig sind. Besonders reich vertreten ist die künstlerische Jugend, die Lebenslust und Geschmack im Leibe hat. All diese Künstlerkreise und die ihnen nahestehen, haben billigen Eintritt: so daß auch bei hohen Preisen für die weitere Öffentlichkeit der üble Geruch der Protzigkeit diesem Feste fern bleibt. Auch von irgendwelcher repräsentativen Förmlichkeit bleibt man völlig verschont. Der festliche Zweck ist ganz klar und rein ausgesprochen. 

Die meisten Feste haben Nebenabsichten: oft die – durchaus vernünftiger und keineswegs zur tadelnde –, irgendwelche nützliche Kassen aufzufüllen. Sie spielt hier gleichfalls keine Rolle; denn der künstlerische Aufwand pflegt die einnahmen, nahezu restlos zu verschlucken. Dieses Fest dient, außer der Freude, nur der Kunst selbst.

*

Ein künstlerischer Bestandteil des Festes war von jeher das Kostüm. Gerade hier hat es eine Pflegestätte gefunden. Von Jahr zu Jahr hat sich Schmiß und Geschmack der Kostüme entwickelt. Neben kostbaren Gewandungen finden sich auch ganz primitive, die die gute Laune junger Menschen aus einem Bettlaken, einen Teppich oder ein paar bunten Lappen hervorzauberte. Oft bildet den Hauptreiz einer Erscheinung ein grotesk gemaltes Gesicht oder ein wilder Zierrat, der sich auf dem Haupte türmt. Alle Länder und Zeiten steuern ihre Schätze bei; Hellas und Mexiko, Orient und Okzident, stilisierte Vergangenheit und expressionistische Gegenwart wirbeln durcheinander: nie aber bleibt es bei historischen und ethnografischen Ausgrabungen, immer ist die Gewandung auf den tragenden Körper gestimmt. Die phantastische Buntheit schäumt um die immer spärlicher werdenden Fracks und Gesellschaftstoiletten. Die Vorfeier des Kreisels hat gezeigt, daß schon die Kostüme allein den Festräumen ein verändertes Gesicht geben können. 

*

Jetzt aber steht das Haus geschmückt in seiner unerhörten Pracht. Schon die Gänge und Treppen (J. D. Peters und Hans Glißmann, Skulpturen von Wöbke) schwebten, in einer wolkenzarten, traumblauen Schönheit; die kleinen Säle im Erdgeschoß sind (von Mätzig und Kling) in teppichbunte Schachteln umgewandelt, der sonst weiße Saal (Kurt F. Schmidt) gipfelt in einer tiefblauen Decke, die sich nach der Mitte zu ins Raumlose[?] zu verlieren scheint; im oberen Geschoß hat sich das Konferenzzimmer (Karl Wenderoth, Wilhelm Bauche, Fritz Jansen) in eine Grotte mit gedrungenem Rippenwerk verwandelt, ein dämmernder Tunnel bohrt sich durch die Galerie; und den großen Saal wölbte Friedrich Adler zu einem azurnem Dom, dessen Wände fast ausschließlich aus großen Farbflächen zusammen gesetzt sind, während um die Galerie ein rotes Band läuft mit einem gelben Zackenmuster, das wild ausgespreizt über die Bühnenöffnung hinüberspringt. Hinter den roten, nach unten gespitzten Pylonen der Galerie brennt eine farbige Ornamentik, die bis in den Saal herunter leuchtet, während von der Decke die Beleuchtungskörper als gelbe astrale Blüten schweben. Überall ist Einfall, überall aber auch fester Plan. Es steht fest, daß hier künstlerische Aufgaben von hohem Range gelöst sind, daß unsere Raumkünstler hier wirklich aus dem Vollen und mit letzte Liebe gearbeitet haben und daß überall Anregungen gegeben sind zu einem hohen und frohen Stil der Festarchitektur.

*

Wir haben diesmal auch versucht, die Darbietungen zu einem ganz festen und fertigen Bestandteil des Festes zu machen. Es ist sehr schwer, einen vollen und richtig bewegten Saal zu bändigen; daran scheitern in der Regel alle Improvisationen. Zu großen Umzügen sind die Räume zu eng; man muß sich, will man nicht den Verlauf des Festes stören, auf die Bühne beschränken. Worte dringen nicht durch: es bleibt also nur die Bewegung, der Tanz. Die „Astrale Tanzschau“ wurde bereits bei der Vorfeier gezeigt; diesmal kehrte sie wieder, und wie ich sagen zu dürfen glaube (obwohl ich selbst der Anordner war), in einer verbesserten und ganz gewiß im ganzen Verlauf klappender Form. Die Gelenke dieser fantastischen Kette hatten eine Verstärkung erfahren, in dem einige zartere Einzeltänze ausgeschieden und zwei neue Mastentänze angesetzt wurden: einen goldene „Tanzende Weltkugel“ Theodor Paul Etbauers und ein violetter „Mondschreck“ Josef Huncks. Der Etbauersche Tanz hat eine Musik, die die unser, d. h. H. H. Stuckenschmidts und meine schon in anderen Nummern gezeigte Bestrebung, eine scharf rhythmische, dabei aber nicht auf Schlagzeug beschränkte, sondern reiche und wilde Begleitung zu Tänzen eigens zu schaffen, auf ihrem vorläufig höchsten Stande zeigt. Jazz ist dagegen gar nichts. Wir haben, während wir zu viert an dieser Aufgabe stundenlang arbeiten, vor Vergnügen geschrien, namentlich am Schluß, als wir – um den Schlußschlag besonders schaurig-schön zu machen – die zierliche Begleiterin Luch Brätsch einfach auf die Tastatur setzten. Die Schnelligkeit, mit der Etbauer diese ganz wilde Sache tänzerisch bewältigte, seid besonders angemerkt. Ja, wir haben Vergnügen bei der Arbeit gehabt; und nur die Aufführung selbst hatte Schrecken, wenn Nummer auf Nummer mit der Präzision eines Uhrwerksheraus geschleudert werden soll. Aber es ging ohne jeden Verzug: auf den grotesken Etbauer folgten die zierlichen Sternschnuppen und Manja Haacks leidenschaftlich-zuckender Komet auf den springenden Mondschreck Huncks, der zierlich gedrehte Planetentanz der Münchener Tanzgruppe (Jutta v. Collande mit Grete Jung und Elsbeth Baack), die ungeheuerlichen Masken Walter Holdts und Lavinia Schulzes rahmt den weißen, schwebenden Gruppentanz der sechs Loheland-Mädchen, deren Gestalten und Arme die lebendige Grazie Eines bewegten Gezweigs haben, und nach dem Aufzug der Winterdämonen (Jugendwanderbühnenmitglieder und André Luksch), strahlte Jutta v. Collandes Sonnentanz. Mir fiel ein großer, dicker, zentnerschwerer Stein vom Herzen, als sich die Tänzerinnen und Masken zum Vorbeizug aufstellen konnten.

Von neun Uhr ab drehte der Tanz seine bunten Kreise und Spiralen. Wenn man vorher gearbeitet hat, ist es doppelt schön, wieder ganz treibendes Atom zu werden und sich von dem Wirbel schlucken zu lassen. Man trieb und es kreiselte. Kreiselte noch, als ich das Festhaus verließ, in eine schöne frühlingshafte Nacht hinein, die ein fast voller Mond als feierliche Lampion erhellte. 

Und heut? Es kreiselt weiter.

H. W. F.

Neue Hamburger Zeitung – 11.3.1922 S. 6f

[3] Hamburger Kulturbilderbogen

Von diesen Hamburger Anfängen ist noch ein weiter Weg zu gehen; er ist ungefähr der gleiche für alle Gruppenbildungen, mögen sie nun aus einer Schule wie der Labans oder aus einer Lebensgemeinschaft wie der Lohelands stammen: am Ende steht die reife, unverrückbare Leistung. Nur freilich stellt die Großstadt besondere Anforderungen; sie muß die Gemeinsamkeit der Bestrebungen, die nach allen Seiten auszubrechen und zu verpuffen drohen, stets von neuem herstellen. Es muß danach gestrebt werden, alle positiven Kräfte, mögen sie noch so energisch an Sonderzielen arbeiten, ab und zu, sei es zum Wettstreit, sei es zu gemeinsamer Leistung, zu vereinen. Einen kleinen Vorversuch dazu habe ich beim letzten Künstlerfest, dem „Himmlischen Kreisel“, mit meiner „Astralen Tanzschau“ gemacht, die alle damals verfügbaren Tanzwerte (zu denen die Falkes und Laura Oesterreich leider nicht gehörten) zusammenschloß und sie in einem gemeinsamen Rahmen nach ihrem besten Stande zeigte. Alles, was gebracht wurde, war neu und zum Teil eigens für den Anlaß gearbeitet, mindestens aber überarbeitet und fertig gemacht; für die fünfunddreißig Minuten dauernde Aufführung war drei Wochen lang stramm gearbeitet worden. Dafür klappte auch alles, es war jene unerläßliche Sicherheit und Geschlossenheit da, die moderne Tanzveranstaltungen fast nie haben, während Ballett und Variété sie als selbstverständlich verlangen; und zwar mit Recht, da fertige Leistung nie an den guten Willen der Zuschauer appellieren darf, wenn man den peinlichen Eindruck des nicht völlig und mühelos Gekonnten vermeiden will. Hier waren lückenloser Ablauf und innere Prallheit um so nötiger, als es eine festlich erregte Menge zu fesseln galt, die nicht auf Stühle gesetzt werden konnte, sondern zum größten Teil auf dem Fußboden sitzen mußte. Eine durchlaufende Musik war nicht da; wo die Tänzer sie nicht mitbrachten, schufen wir sie aus der Bewegung heraus, und H. H. Stuckenschmidt gab dem festgelegten Rhythmus seine gesegnete Disharmonik, über die sich die Orchestermusiker, die Roters dirigierte, nicht genug wundern konnten; für einige Begleitungen mußte das Klavier ausreichen. Pausenlos, auf den Gongschlag hängte sich Nummer an Nummer: Etbauer als tanzende Weltkugel, über den behenden Beinen ein riesiges goldnes Rund, rollend und hüpfend in einem tollen Rhythmus, dessen Dissonanzen nach einem Klapperzwischensatz ihren Zusammenklang dadurch fanden, daß die zierliche Pianistin sich auf die Tasten setzte; vier kleine Tanzmädchen als Sternschnuppen, nach einem spritzenden Taktgefüge über die Bühne geschleudert; Manya Haack als Komet, schwarz mit flatterndem Goldband, in einem prachtvoll wilden Tanze ohne Ruhepunkte nach pompöser Musik von Adam, eine ganz reife Leistung; der Etbauerschüler Huck als violetter Mondschreck, mit Bartmaske und bunt bemalten Gliedmaßen, in Heuschreckensprüngen; ein zierlich, mit der Präzision eines Uhrwerks gedrehter Planetentanz von Jutta v. Collande mit zwei Mädchen der Tanzgruppe; die Ungeheuer vom Sirius Walter Holdt und Lavinia Schulz, er schaukelnd im Shimmy, sie von wuchtenden Gängen in wilde Drehung sausend; zwischen ihnen ein Sternnebel, von den Loheländerinnen als Gästen, auf Rund geformt, die er-hobnen Arme ein Gewoge voll zarter Brechungen; zum Schluß eine kleine Pantomine „Raub und Befreiung der Sonne“, nach der Idee eine altjapanischen No-Spieles, diese ganz auf eigne Rhythmisierungen gebaut: Jutta von Collande, klein und frierend in zitternd-dünnen Kreisen, von zwei Winterdämonen ergriffen und fortgeschleppt; dann, unter Vorantritt ihres Beschwörers André Luksch, der Aufzug der Dämonen (Mitglieder der Jugendwanderbühne), die in ihren starren Doppelkegelmasken, mit drohenden exotischen Waffen, schweren Schritts die Bühne umschritten, den Rhythmus mit ihren Stimmen verstärkend, und sich als lebendige Mauer aufpflanzten, bis sieben grelle Trompetentöne das Tor öffneten und die Sonne befreit auf ihnen herausschritt, über den zurückkugelnden Beschwörer hinweg, ganz nach vorn, wo sie strahlend zu den goldnen Tönen stolzer Grétry-Musik ihren Triumphtanz begann. Zum Schluß zogen alle Mitwirkenden noch einmal vorbei, einzeln und in zusammengehörigen Gruppen, ein beweglicher Fluß, der jeweils in der Mitte ein wenig stockte, um den Beifall entgegenzunehmen, für den zwischen den einzelnen Nummern kein Raum gelassen war und der nun kam, von den Zuschauern, denen der Rhythmus in die Knochen gefahren war, im Rhythmus gespendet, so daß er und nicht die Musik die Vorüberziehenden zu tragen schien. Die Bewegung war übergesprungen und flutete in das Fest zurück.

Fischer, Hans W. / Scholz, Kai-Uwe; Hamburger Kulturbilderbogen : eine Kulturgeschichte 1909 – 1922 / Hans W. Fischer. Neu hrsg. und kommentiert von Kai-Uwe Scholz, Hamburg : Dölling und Galitz, 1998) S. 103f

Der Hamburgischer Correspondent veröffentlichte einen eher kritisch-verständnislosen Bericht eines Redakteurs mit dem Kürzel „Mö“:

[4] Auf dem Himmlischen Kreisel

Die Götzenpauke Des Vorjahres dröhnte mir noch in den Ohren – heilige Salome! –, Presseball und Filmfest der letzten Monate hatten mich und meine Geldtasche mürbe gemacht – – aber der „himmlische Kreisel“, das diesjährige große Kostüm-, Künstler- und Mäzenatenfest, durfte trotz allem nicht versäumt werden. „Ehrensache mitzumachen!“, meinte Hinrich Wriede, der in kleidsamer Finkenwerder Tracht eigens von seiner Elbinsel herübergekommen war. Und so wie er dachten wohl auch die vielen, vielen Leute und Leutchen, die am Freitag und Sonnabend in fantastischer Gewandung die Räume des Curiohaus belebten. Was sind heute schon 150 Mark für eine Eintrittskarte – – die Hauptsache ist, dass man bei Jazz und Shimmy gehörig auf seine Rechnung kommt, dass man sich austoben, nach Herzenslust schreien und heulen kann – – und so süddeutsche Faschingsfröhlichkeit vortäuscht, wo man schweres niederdeutsches Blut in den Adern hat.

Warum aber gibt’s man derartigen Festen klingende Namen, warum überlädt man die Einladungskarten mit poetisch sein sollenden Satzungetümen, die Hoffnung erwecken könnten – wenn das Ganze im Grunde doch nur von vornherein auf allgemeine Schwoferei einer buntgemischten und durcheinander gewürfelten Masse Menschen gestellt ist!

*

Beginnen wir mit den erfreulichen: 

Die für jegliche Ausschmückung so willigen Säle und Räumlichkeiten des Curiohauses erstrahlten in einer Farbenpracht, wie man sie bisher dort noch nicht gesehen. Künstler waren am Werke gewesen, die mit bemalten Papier die wunderbarsten Wirkungen erzielt haben. Und das mit Verzicht auf wild-expressionistische Manier. Die große Linie herrschte in der architektonischen Gestaltung, die satte Farbe in der malerischen Durchführung vor. Am meisten Bewunderung erregt der von Friedrich Adler zum azurnem Dom umgewandelt große Saal – ein Bild unvergessliche Schönheit. Für die raumkünstlerisch-interessante und farblich-stilvolle Ausstattung der übrigen Räume zeichneten erste Hamburger Künstler verantwortlich: Herrmann Mätzig, Kurt F. Schmidt, J. D. Peters, Wilhelm Bauche, Karl Wenderoth.

Ein stattliches Aufgebot an Feuerwehrleuten und Minimaxapparaten stand für den Fall eines Brandausbruchs zum sofortigen Eingriff zur Verfügung.

*

Die Vorführungen des Abends:

Die „große astrale Tanzschau“ im azurnen Dom, nach dem Plan und unter der Regie von Hans W. Fischer, und im Hörsaal die „kosmische Farbenschau“ der Adler-Klasse. 

Die „Tanzschau“ war recht originell erdacht und zeigte vor allem einige interessante Masken und Tänze. Lauter Heiterkeit weckte das ungeheuer vom Sirius, Walter Holdt, im Harmonikakostüm. Ein Tanzspiel, Raub und Befreiung der Sonne, an dem hervorragend Jutta von Collande und Mitglieder der Jugendwanderbühne beteiligt waren, bildeten den Schluss dieser Vorführung. 

Die „Farbenschau“ im Hörsaal habe ich nicht gesehen – ein bekanntes Mitglied einer Hamburger Bühne bezeichnete sie mit einem recht drastischen Ausdruck, den hier wieder zu geben mir meine gute Erziehung verbietet

*

Von 7:00 Uhr abends an begann in die astralen Festräume der Einzug der himmlischen Heerscharen (Heerscharen, weil einige verheerend aussahen!). Sie waren alle gekommen, die Leute, die man überall sieht und die überall dabei gewesen sein müssen, ohne die es überhaupt nicht geht, Leute von der großen und von der kleinen Welt, Leute von der ganzen und – – ja auch der halben Welt. In Kostümen, ohne Kostüm, halb nackt oder ganz – bekleidet, Frack, Smoking, Straßenkleid, eine bunte Gesellschaft. Einige hatten zwar das Curiohaus mit dem Winterhuder Fährhaus verwechselt – aber es stieß sich scheinbar keiner dran. Merkwürdige Gestalten Samantha rumlaufen, Himmelsbewohner von seltener Schönheit.

Da gab es Pierrots und Colombinen, Rokokodämchen, spanische Granden mit Orden und Degen, wilde Apachen mit schiefer Mütz‘ und rotem Schlips, Muselmanen, Haremssöhne, niedliche Teufelchen, Mephisto in mehrfacher Auflage, Wildwest-Indianer, bemalte und bepuderte Männlein und Weiblein in Hülle und Fülle. Nur leider so wenig anmutiges, so wenig originelles, in den Stil des Festes passendes. Vor mancher Gestalt konnte einem wahrlich bange werden. Und wie schön mögen sich viele vorgekommen sein! Ungeheuerliche Pappungetüme hatte man sich auf den Schädel gesetzt, Gazeschleier über den Kopf gezogen, Männlichkeiten hatten Schulter und noch mehr entblößt – – in der Tat, ein ästhetischer Anblick. Und auch hier konnte man singen: „Es liegt hier so ein Duft in der Luft“, aber dieser Duft brachte uns wahrlich nicht in Ekstase.

Eine originelle Type fiel auf: …[Keyserling?] mit witzigen Plakaten beklebt (Anzüge mit prima Bügelfalte für Lebensgefühl liefert der König der Darmstädter Dunkelkammer). 

Erich Ziegel, der Direktor unserer Kammerspiele, ging nachdenklich und beobachtend durch diese bunten Masse und suchte scheinbar nach Kostümen für eine Neuinszenierung der „Braut von Messina“; er hat sicher passendes gefunden.

*

Eine krachende Musik sorgt dafür, dass der ganze himmlische Kreisel ein einziges Geschiebe, Gestoße, Gewackle wurde. Man wurde heiß und heißer, und die Tusche im Gesicht begann langsam zu schmelzen. Scheinwerfer spielten über den Köpfen der Jazzenden, junges und mittelaltes Volk warf sich mit sämtlichen Körperteilen auf den Saalboden, unterbrach den Rhythmus, – schrie und jaulte, Beine bummelten von den Galerien herab, Mädels wurden auf Männerschultern durch die Menge getragen – – ein herrlicher Anblick, für die, die Gefallen daran finden. Mein Geschmack ist – Mucker wird man mich schelten – anders ausgerichtet, und so floh ich gar bald aus diesem kreiselnden Himmel, hinaus in die neblige Nacht unseres heimatlichen Planeten.

Mö.  

Hamburgischer Correspondent und neue hamburgische Börsen-Halle – 1922-03-13 S. 9f 

In der Zeitschrift Werkkunst gibt es einen Artikel, der vor allem den Bericht der Berliner Volkszeitung von Kole Kokk zitiert:

[5] Das Hamburger Künstlerfest. (Werkkunst)

(Der himmlische Kreisel.)

Was bei der Ausgestaltung der Räume des Curiohauses unter Ausnutzung aller technischen Möglichkeiten durch den frischen, farbenfrohen und phantastischen Geist unserer Hamburger Künstler und jungen Kunstgewerblern geleistet wurde, beweist, daß schöpferische Leistungen auf dem Gebiete vor allem entsprechende Gelegenheiten verlangen. Schon weil diese Feste dem Künstler diese Gelegenheit geben, in großem architektonischen Linienschwung sich farbig auszuleben, sind sie ein Faktor von unbestreitbarer Bedeutung.

Besonders der große Saal, den Fr. Adler, D. W. B., architektonisch durchkomponiert und mit seinen Schülern durchgeführt hatte, war eine stilistisch glänzende und farbig originelle Leistung. Die übrigen Säle waren von den Architekten Kurt F. Schmidt, Hermann Mätzig, Anton Kling, Karl Wenderoth und Willy Bauche zu einem in sich abgeschlossenen und stilvoll phantastischen Ganzen zusammengefügt. Bildhauer Woebke hatte zwei prachtvolle Skulpturen geschaffen, die ausgesprochenen Charakter hatten, die Kreisel-Idee glücklich symbolisierten und den Treppenaufgängen, deren Dekoration, nach Direktor J. D. Peters, die Kreisel-Bewegung sinnfällig charakterisierten, einen künstlerischen Abschluß gaben.

Wir entnehmen einem Bericht der Berliner Volkszeitung nachstehende Zeilen. in welchen am besten dokumentiert wird, wie hoch diese künstlerische Note dieser Veranstaltung einzusetzen war. 

Ein Hamburger Künstlerfest. – Weniger „Betrieb“, stärkeres Erlebnis! 

Die Hamburger Künstler veranstalten ihr Fest seit einer Reihe von Jahren, jedesmal unter einem schöneren Namen und jedesmal in vollendeterer Art. Von vornherein sind da ein paar Voraussetzungen gegeben. die in Berlin nicht vorhanden sind. Es ist zunächst wirklich ein Fest der Hamburger Künstler, und nicht nur einer Künstlergruppe, kein Sezessionisten-, Novemberleute- oder Juryfreier-Ball. Die Maler, die Raumkünstler, die Bühne, die Musiker, die Tanzenden – sie alle haben teil an diesem Fest, sind auf ihm als Gastgeber wie als Gast, als Erfreuende und als von sich selbst am meisten Erfreute zu finden. Sie bilden auch der Zahl nach ein stärkeres Kontingent als ihre Kollegen auf den Berliner Bällen und die Leitung des Ganzen gleitet ihnen nie, wie so oft hierzulande, aus den gestaltenden Händen.

Was den „himmlischen Kreisel“ hoch über die Berliner Veranstaltungen stellte, war das künstlerische Temperament, mit dem er getrieben wurde. Für die kurzen drei Tage der Vorfeier, Hauptfeier und Nachfeier sind Dinge geschaffen worden, die wirklich wert wären, erhalten zu bleiben. Eine Reihe junger Künstler von Geschmack und Talent hatte sämtliche Räume des „Curio-Hauses“ (Hamburger Lehrervereinshaus) in wirklich überraschend schöner Weise hergerichtet. Wandbekleidungen. Beleuchtungskörper, ja selbst eine aus den einfachsten und leichtesten Stoffen ebenso graziös wie kühn errichtete Architektur legte Zeugnis ab von einem so innigen und souveränen Verhältnis zur Farbe, wie man es selten findet. Es gab einen richtigen Farbenrausch, ohne daß sich irgendwo die expressionistische Manier in Disharmonien austobte. Daß man immer und immer wieder Zeit fand, sich des Zaubers dieser Räume zu erfreuen, war der beste Lohn für die Künstler, die dem Fest diesen Rahmen geschaffen hatten.

Die Hamburger haben vor den Berlinern ein wesentliches voraus: ihr „Betrieb“ ist geringer, ihr Erlebnis stärker und schöner. Wie wäre es, wenn unsere Stakugemu- und Reimann-Leute ihre angeerbte Scheu vor der Provinz überwinden würden und zum nächsten Hamburger Künstlerfest eine kleine Deputation entsenden? Beileibe nicht um zu kopieren; das beste am „himmlischen Kreisel“ ist in Hamburg bodenständig und nicht zu verpflanzen. Aber vielleicht genügt ein solcher Besuch, um erkennen zu lassen, daß zwischen einem Ball und einem Fest ein gewaltiger Unterschied ist, und daß es eine Ehrenpflicht der Künstler ist, Feste zu geben, die man wirklich feiern kann. 

Kole Kokk.

Die Werkkunst : Monatsschrift für Raumkunst und Kunstgewerbe ; offizielles Organ des Kunstgewerbe-Verein Hamburg und des Deutschen Werkbundes, Ortsgruppe Hamburg, Beilage der Bau-Rundschau, Nr. 3, März 1922

[6] Der „himmlische Kreisel“ in Hamburg, Berliner Volkszeitung, Kole Kokk

Der „himmlische Kreisel“ in Hamburg

Ein Hamburger Künstlerfest. – Weniger „Betrieb“, stärkeres Erlebnis!

Nichts ist so lehrreich, wie der Vergleich, besonders, wenn man in selbst anstellt. Da hat man ein viertel Dutzend der bekanntesten Berliner Kunstbälle mitgemacht, hat sich nach Herzenslust amüsiert und gemeint: höher geht’s nicht mehr! Und dann wirbelt einen der Zufall just an dem Tag nach Hamburg, an denen der „himmlischen Kreisel“ zur Nachfeier trudelt, und man hat so etwas wie ein richtiges Erlebnis. Man erfährt an sich selbst den Unterschied zwischen „einen Ball mitmachen“ und „ein Fest mitfeiern“.

Die Hamburger Künstler veranstalten ihr Fest seit einer Reihe von Jahren, jedesmal unter einem schöneren Namen und jedesmal in vollendeterer Art. Von vornherein sind da ein paar Voraussetzungen gegeben, die in Berlin nicht vorhanden sind. Es ist zunächst wirklich ein Fest der Hamburger Künstler, und nicht nur einer Künstlergruppe, kein Sezessionisten-, Novemberleute- oder Juryfreier-Ball. Die Maler, die Raumkünstler, die Bühne, die Musiker, die Tanzenden – sie alle haben teil an diesem Fest, sind auf ihm als Gastgeber wie als Gäste, als Erfreuende und als von sich selbst am meisten Erfreute zu finden. Sie bilden auch der Zahl nach ein stärkeres Kontingent als ihre Kollegen auf den Berliner Bällen und die Leitung des Ganzen gleitet ihnen nie, wie so oft hierzulande, aus den gestaltenden Händen.

Sie haben aber auch kein Berliner Publikum. Wenn irgendetwas, so hat dieses Fest bewiesen, dass Hamburg keine Anlage zur „Weltstadt“ hat, wenn darunter jene Atmosphäre der Blasiertheit, des affektiven Stumpfsinns und der pseudoerotischen Schwüle verstanden werden soll, in der das mondäne Berlin atmet. Hamburg ist nicht „mondän“, seinen Frauen entströmend selbst aus dem tiefsten Rückenausschnitt noch ein Hauch von Salzluft, und seine Männer denken heimlich „Köhm“, wenn sie sich einen Cobbler bestellen. Gewiss, die à la „Wandervögelein“ frisierten Mägdelein wirkten etwas bestellt harmlos, aber gestört hat doch nur jenes hypermoderne Pärchen, das den famosen, eigens für das Fest komponierten Shimmy mit todernsten Gesichtern abtanzte wie eine Zeremonie.

Was den „himmlischen Kreisel“ hoch über die Berliner Veranstaltungen stellte, war das künstlerische Temperament, mit dem er getrieben wurde. Für die kurzen drei Tage der Vorfeier, Hauptfeier und Nachfeier sind Dinge geschaffen worden, die wirklich wert wären, erhalten zu bleiben. Eine Reihe junger Künstler von Geschmack und Talent hatte sämtliche Räume des „Curio-Hauses“ (Hamburger Lehrervereinshaus) in wirklich überraschend schöner Weise hergerichtet. Wandbekleidungen. Beleuchtungskörper, ja selbst eine aus den einfachsten und leichtesten Stoffen ebenso graziös wie kühn errichtete Architektur legte Zeugnis ab von einem so innigen und souveränen Verhältnis zur Farbe, wie man es selten findet. Es gab einen richtigen Farbenrausch, ohne daß sich irgendwo die expressionistische Manier in Disharmonien austobte. Daß man immer und immer wieder Zeit fand, sich des Zaubers dieser Räume zu erfreuen, war der beste Lohn für die Künstler, die dem Fest diesen Rahmen geschaffen hatten.

Dann aber war entscheidend, dass dieser Rahmen nicht nur ein paar hundert tanzende Paare umspannte, sondern eine gleichgestimmte Menge. Man kennt jene unglücklichen Versuche, einem Tanzpublikum künstlerische Genüsse vom Orchesterstück bis zu Couplet zwangsweise zu versetzen. Sie mißlingen stets. Der himmlische Kreisel aber kannte eine Stunde, in der man nicht stepte, sondern alles auf dem Parkett des großen Saales saß und der „Astralen Tanzschau“ zujubelte, die auf der Bühne ohne jede störende Pause mit herzerfreuendem Schmiß abgehalten wurde. Ich sah – auf der Nachfeier – nur Teile dieser Schau. Aber von dem Augenblick an, in dem die schlanke Manya Haack auf die Bühne sprang, bis zu jenem, in dem das Publikum unisono anfing, mit den Händen den Takt zum Tanz des „Springviehs“ zu klatschen (eine fabelhaft schöne Maske, ein Sagentier, wie es noch in keinem Buche stand), war da nichts als Steigerung bei den Künstlern und Mitgehen beim Publikum. An den beiden ersten Tagen war es insbesondere die Kunst der „Münchener Tanzgruppe“ unter Jutta v. Collande, welche Begeisterung auslöste.

Die Hamburger haben vor den Berlinern ein wesentliches voraus: ihr „Betrieb“ ist geringer, ihr Erlebnis stärker und schöner. Wie wäre es, wenn unsere Stakugemu- und Reimann-Leute ihre angeerbte Scheu vor der Provinz überwinden würden und zum nächsten Hamburger Künstlerfest eine kleine Deputation entsenden? Beileibe nicht um zu kopieren; das beste am „himmlischen Kreisel“ ist in Hamburg bodenständig und nicht zu verpflanzen. Aber vielleicht genügt ein solcher Besuch, um erkennen zu lassen, daß zwischen einem Ball und einem Fest ein gewaltiger Unterschied ist, und daß es eine Ehrenpflicht der Künstler ist, Feste zu geben, die man wirklich feiern kann. 

Denn an den Bällen wird uns, wenn die Zeitläufe sich nicht ändern, der Appetit bald vergehen. Aber einmal im Jahr ein echtes Fest, – das werden wir stets brauchen wie das liebe Brot – und wenn beides noch so teuer wird.          

Kole Kokk.

Berliner Volkszeitung 19.03.1922

[7]  Prisma im Zenit

 Prisma im Zenit, Der 10. Kostüm-Künstler-Karneval am 3., 4., 6., 7., 8., Februar 1928 veranstaltet vom Künstlerfest Hamburg e.V., Fest-Almanach, hrsg. von Erich Engel und Paul Hamann, Hamburg, 1928

   Darin:

Davidson, Willy; Zehn Jahre Künstlerfest (S. 15ff)

An einem November-Nachmittag im Jahre 1919 wurde zum Kaffee auf des Vorsitzenden, Paul Hamann, Einladung in seine Wohnung am Mundsburgerdamm eine kleine Gesellschaft von etwa 6 bis 7 Herren gebeten, Grundlegendes über eine Vereinigung zu besprechen, die sich später zu dem Verein „Künstlerfest Hamburg“ auswuchs. Niemand dachte damals, in welchem Ausmale diese alljährliche Veranstaltung wirtschaftliche Fäden ziehen würde und wie groß alljährlich das Arbeitspensum derer ist, die die Abwicklung der Feste leiten. Die bescheidenen Anfänge, mit denen das Fest 1919 damals nur im Großen Saale des „,Curiohauses“ gefeiert wurde, waren grundlegend für die dauernde Fortentwicklung des Ausbaues und Aufbaues des Unternehmens. Und so kam es auch, daß die dann folgenden Inflationsjahre, nachdem sich alles wieder nach dem Kriege Feste feiernd zusammenfand, für den Aufbau der Veranstaltung ungeheure Zahlen an Materialverbrauch und ebenso große Zahlen an Umsätzen der Einnahmen und Ausgaben aufzuweisen hatte.

Den Höhepunkt brachte zur Zeit der Inflation zweifellos die „Götzenpauke“ (1921). Dieses Fest war das am stärksten besuchte mit seinen drei Tagen, das je in Deutschland abgehalten wurde. War nun bei diesem Fest der Umsatz an ungeheuren Mengen Papiergeld riesengroß, so wurde dieser doch noch in den Schatten gestellt bei dem darauffolgenden Fest im Jahre 1922, dem „Himmlischen Kreisel“. Die Einnahmen an den Billettverkaufsstellen wurden in großen Paketen abgeholt. Die Papiergeld-Mengen zerflossen aber so schnell, bis schließlich dem Verein am Ende der Inflation ein Vermögen von 4 englischen Pfund verblieb.

Dann kam das erste Fest zur Zeit der Goldmark-Einführung, die auch eine vollkommene Umstellung eines jeden Arbeitsprogramms der Veranstaltung mit sich brachte. Jetzt trat auch zum ersten Male die stabile Abrechnungsmethode für Lustbarkeitssteuer in Kraft, die früher durch die unsichere Kursgestaltung der Papiermarkwährung jede Vorkalkulation des jeweiligen Jahresbetriebes zunichte machte.

In den Jahren 21, 22, 23 gewöhnte sich das große Stammpublikum neben der Künstlerschaft an unser Haus. Unser Fest wurde durch diesen Besuch unterstützt, und mit Dankbarkeit und wirklicher Freude haben wir immer wieder alljährlich Tausende anhänglicher Besucher an den drei oder vier Abenden begrüßen können. Es kommen durchschnittlich zu jedem Festtage mehr als tausend Künstler und ebensoviele Freunde des Festes aller Berufsklassen und Gesellschaftskreise.[…]

 

H. H. Stuckenschmidt Festmusik (S. 56ff)

[…] Ich habe in vielen Städten gelebt. Überall werden Feste gefeiert. Aber nur in einer ist diese Sitte ein Sakrament geworden, ein kultisches Spiel, ein dionysischer Rausch, ein tänzerisches Steigern aller Vitalität, eine Absage an den Alltag, eine lachende Kriegserklärung an den Geist der Schwere: in Hamburg.

[…] Mich bindet nicht mehr viel an Hamburg. Aber wenn etwas mich veranlassen könnte, dort zu hausen, so wären es (außer der Alster, dem Haka und Deutschlands bestem Komiker) seine Künstlerfeste!

Neben diesen zeitgenössischen Quellen gibt es eine Reihe neuerer Bücher und Ausstellungskataloge zu den Künstlerfesten. 

Literatur
Otto Fischer-Trachau (1878 – 1958) – Leben und Werk – eine Annäherung : Ausstellung in der Hamburger Sparkasse, Haspa-Galerie … 26. September – 19. Dezember 2008, Hamburg : Hamburger Sparkasse, [2008]
Fischer, Hans W. / Scholz, Kai-Uwe; Hamburger Kulturbilderbogen : eine Kulturgeschichte 1909 – 1922 / Hans W. Fischer. Neu hrsg. und kommentiert von Kai-Uwe Scholz, Hamburg : Dölling und Galitz, 1998
Hirsch, Sandra; Hans Leip und die Hamburger Künstlerfeste : Ausstellung in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky, 23. September bis 25. Oktober 1993, Herzberg : Bautz, 1993
Jaeger, Roland; Hamburgs Künstlerfeste der Zwanziger Jahre : Wissenschaftliche Hausarbeit zur Erlangung des akademischen Grades eines Magister Artium der Universität Hamburg, Hamburg, 1985
Jockel, Nils / Stöckemann, Patricia; „Flugkraft in goldene Ferne …“ : Bühnentanz in Hamburg seit 1900 / Museum für Kunst u. Gewerbe, Hamburg. In Zusammenarbeit mit d. Zentrum für Theaterforschung d. Univ. Hamburg. Hamburg : Museum für Kunst u. Gewerbe, 1989
Joppien, Rüdiger; Baumann, Annette; Entfesselt : Expressionismus in Hamburg um 1920 ; [anlässlich der gleichnamigen Ausstellung vom 25. Februar bis 5. Juni 2006] / Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. [Ausstellung und Katalog: Rüdiger Joppien]. Hamburg : Museum für Kunst und Gewerbe, 2006
Leonhardt, Brigitte [Hrsg.] ; Bruhns, Maike; Spurensuche: Friedrich Adler : zwischen Jugendstil und Art Déco, [Ausstellungskatalog], Stuttgart : Arnold, 1994
Mainholz, Mathias / Schütt, Rüdiger / Walter, Sabine; Hamburger Künstlerfeste, 1914-1933 : eine Künstlerfestchronik anläßlich der Friedrich-Adler-Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg vom 23. September bis 6. November 1994 / Hamburg : Museum für Kunst und Gewerbe, 1994
Röbstorf, Vivien; Das Hamburger Künstlerfest – Die Götzenpauke von 1921 : phantastische Szenerien, gellendes Schmettern und ekstatische Wildheit, Nordhausen : Verlag Traugott Bautz GmbH, 2021
Schütt, Rüdiger; Auf der hochtürmenden Woge des Expressionismus. Die Hamburger Künstlerfest 1914 – 1924 in: Gesamtkunstwerk Expressionismus : Kunst, Film, Literatur, Theater, Tanz und Architektur 1905 bis 1925 ; eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Filmmuseum, Frankfurt a.M. ; / hrsg. von Ralf Beil und Claudia Dillmann, Ostfildern : Hatje Cantz, 2010
Weimar, Friederike; Die Hamburgische Sezession 1919-1933. Geschichte und Künstlerlexikon, Fischerhude: Verlag Atelier im Bauernhaus, 2003

https://de.wikipedia.org/wiki/Hamburger_Künstlerfest

Zu den Maskentänzern Lavinia Schulz und Walter Holdt gibt es einiges an Literatur, nachdem die Masken im Museum für Kunst und Gewerbe wiedergefunden und ausgestellt wurden:

Von Jan Reetze, über die Ausstellung, ein Rundfunk-Feature.
Joppien, Rüdiger; Baumann, Annette; Entfesselt (s.o.) – darin
  – Athina Chadzis; Das Maskentänzerpaar Lavinia Schulz und Walter Holdt
  – Stanislav Rowinski; Lavinia Schulz und ihre künstlerischen Insprirationsquellen
Jockel, Nils / Stöckemann, Patricia; „Flugkraft in goldene Ferne …“(s.o.) S. 55ff
Jockel, Nils; Kellertänzer, KJM-Verlag, 2024 (Roman)

Die Quellen der Bilder kann ich nicht mehr vollständig nachvollziehen. Die Originale stammen wohl meist aus dem Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg und dem Hans Leip Archiv des Museums für Hamburgische Geschichte. Der Fotograf der Festfotos ist unbekannt. Die Fotos von den Festräumen sind aus [5]. Die Anzeige ganz oben ist aus der Zeitschrift Werkkunst 1/1922.


  1. Leip, Hans: Künstlerfeste in Hamburg., in: Hamburger Fremdenblatt, Jg. 101, Nr. 14 (Abendausgabe), 14. Januar 1929, S. 2. – zitiert nach Röbstorf ↩︎
  2. Fischer/Scholz, Kulturbilderbogen S. 118 ↩︎
  3. Über die Vorbereitungen seiner Freunde Schulz/Holdt auf das Künstlerfest von 1922 im Hamburger Curio-Haus erinnert sich H. H. Stuckenschmidt: „Die Maskentänzer hatten sich verpflichtet, im Rahmen der ‚Astralen Tanzschau‘ ein neues Programm zu zeigen. Der Name des Festes ‚Himmlischer Kreisel‘ gab die Stimmung an, die zu verkörpern war: Walter und Lavinia entschieden sich für ‚Ungeheuer vom Sirius‘. Zwei ihrer großen farbigen Masken wurden zurechtgemacht. Ich schrieb Stücke dazu und orchestrierte sie – nicht immer zur Zufriedenheit der Tanzmusiker…“ – zitiert nach Jockel/Stöckemann, Flugkraft S. 70 ↩︎
  4. Jopien/Baumann und Fischer/Scholz (siehe Literatur) ↩︎
  5. http://janreetze.blogspot.com/2010/12/die-maskentanzer-lavinia-schulz-walter.html ↩︎